21.01.2019

Kommentar von Kai Fürderer zur DIN 77230 „Finanzanalyse für Privathaushalte“

Die DIN 77230 „Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte“ wurde am 18. Januar veröffentlicht. Wir haben in dem DIN-Ausschuss den stellvertretenden Obmann gestellt und somit aktiv an dieser DIN-Norm mitgewirkt.

Wir sind von dieser Grundidee eines Regelwerks zur einheitlichen Erkennung von sog. „blinden Flecken“, um die Bedarfsanalyse zu objektivieren und somit unabhängig von persönlichen Präferenzen der Berater zu sein, überzeugt. Das Ziel muss – zumindest je Finanzdienstleister – sein, dass ein Kunde mit immer der gleichen Finanzsituation bei 10 verschiedenen Beratern die gleiche Bedarfsanalyse und nicht 10 unterschiedliche Empfehlungen erhält, bei der Frage, was für ihn Sinn macht.

Unser Credo ist seit Jahren „Absicherung vor Vorsorge“, wenn es darum geht, den Kunden auf existenzielle Risiken hinzuweisen, bevor langfristige Altersvorsorgeverträge abgeschlossen werden, die auf tönernen Füßen stehen. Deshalb ist unser inhaltlicher Fokus immer wieder bspw. die Einkommensabsicherung von sozialversicherungspflichtigen Privatkunden. Die Kunden müssen ihre Risiken und Bedarfslücken kennen, bevor sie sich für etwas Naheliegendes entscheiden.

Um das inhaltlich umsetzen zu können, gilt es die relevanten Themen (Bedarfe) festzulegen, eine Rangfolge zu definieren und zu guter Letzt auch die idealtypischen Sollwerte für die Bedarfsermittlung – in Abhängigkeit von der individuellen Situation der Kunden – festzulegen.

Am Anfang der Überlegungen zur „DIN-Norm“ war immer der „normale Privatkunde“ im Fokus, für den eine solche Normierung einen deutlichen Mehrwert bringen sollte, damit auch diese Kunden in den Genuss einer vollständigen und umfassenden Finanzanalyse – u.a. auch auf im Abgleich mit den Vorgaben des Verbraucherschutzes – kommen.

Kritisch muss man jetzt nach dem 18. Januar festhalten, dass selbst der Tester aus dem Bankentest „BESTE BANK vor Ort“ für das Ziel „Lebensstandard erhalten“ auf über 10 Finanzthemen angesprochen bzw. hingewiesen werden muss. Und das, obwohl er u.a. „kein Auto“, „kein Wohneigentum“ und „keine Familie“ hat.

Das zeigt die Krux der aktuellen DIN 77230. Der Umfang der Themen ist sehr groß und gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Kunden vollversichert auf die Altersarmut zusteuern. Auch wenn es im ersten Schritt lediglich um die Analyse (und nicht um die Beratung) geht, wird der Kunde im Zuge dessen auch auf zahlreiche Risiken hingewiesen, die zumindest dazu führen könnten, dass er durch sein Bedürfnis nach Sicherheit Geld für Versicherungen ausgibt, die sein Budget für die Altersvorsorge faktisch reduzieren.

Gleichzeitig halten wir auch diesen Themenumfang in Verbindung mit den Sollwerten für sehr erklärungsbedürftig. Um den ratsuchenden Privatkunden eine solche Finanzanalyse erläutern zu können, braucht es entsprechendes Know-how. Wir verstehen aktuell die Banken und Sparkassen, die vor der Einführung der DIN 77230 zurückschrecken. Auch aus unserer Sicht ist die DIN 77230 an Komplexität kaum zu übertreffen und auch in einem IT-System nur schwer abbildbar, wenn man das Ziel verfolgt, dieses Regelwerk zu 100% umzusetzen.

Deshalb ist unser Fokus, dass wir Beratungsprozesse qualitativ verbessern und optimieren, indem wir uns für ausgewählte Themen an der DIN 77230 orientieren bzw. einzelne Ideen und Berechnungen nutzen. Somit gehen wir sehr selektiv vor, wenn es darum geht, die DIN 77230 in die Praxis zu überführen. Als „Baukasten“ ist dieses Regelwerk für die Umsetzung effizienter Prozesse sehr gut geeignet – aber für viele Finanzdienstleister wird es zu Beginn ggf. erst einmal nicht darüber hinausgehen. Wir sind als Dienstleister für jede Kundenpräferenz offen und können jeden Umsetzungswunsch mit unseren Consultants begleiten.

Auf Basis dieser Umsetzung „in Anlehnung an die DIN 77230“ werden wir bereits im Februar die ersten Regional- bzw. Filialbanken für ihre exzellente Qualität in der Finanzanalyse zertifizieren. Hierbei arbeiten wir mit den Kollegen der Firma ZERTPRO FINANZ GmbH zusammen.

Haben auch Sie Interesse an unserer QIDF-Interpretation der DIN 77230?
Sprechen Sie uns gern an – Wir freuen uns auf Sie!

Weitere Informationen zur DIN 77230:

Mit der DIN 77230 ist in den letzten vier Jahren ein Entwurf der Norm für die Basis-Finanzanalyse von Privathaushalten entstanden. Sie fasst unter anderem innerhalb der fast 100 Seiten auch alle Fragen zusammen, die für eine erste Bestandsaufnahme zwischen Kunden und Finanzberatern essenziell sind; ausgearbeitet von einem Bündnis aus den führenden deutschen Banken und Versicherungen sowie aus Maklerpools, Verbänden und Verbraucherschützern. Die Fragen zielen insbesondere auf die Themenbereiche Vorsorge, Absicherung und Vermögensplanung ab. Die Expertengruppe hat insgesamt weit mehr als 10.000 Entwicklungsstunden in die Norm investiert.

Lesen Sie dazu auch mehr auf „Finanzportal24“
DIN 72330 Finanzberatung nach Norm aber was steckt dahinter?

und auch auf der Homepage der „FinGOAL!“
Auch der digitale Kunde stöss bei Finanzthemen an seine Grenzen Interview mit Markus Gauder Geschäftsführer der FinGOAL GmbH

 

Fotoquelle: Gesellschaft für Qualitätsentwicklung in der Finanzberatung mbH

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