16.04.2021

Interview mit Kai Fürderer zum realen Kapitalverlust im aktuellen Zinsumfeld

Kürzlich war ein aktueller Bericht auf FOCUS vom 16.04.2021 zu lesen:

„Seit Monaten warnen Ökonomen vor einer neuen Inflation. Tatsächlich stieg die Teuerung im ersten Quartal spürbar. Sparer hat dieser Preisauftrieb prompt 8,1 Milliarden Euro gekostet. Es gibt aber Wege, sich davor zu schützen.

8,1 Milliarden Euro haben deutsche Sparer im ersten Quartal 2021 verloren. Auch wenn sich auf dem Sparbuch oder Konto nichts geändert haben mag, so büßten Sparer diese Summe real – also an Kaufkraft – ein, wie aus dem Realzins-Radar der Comdirect und Barkow Consulting hervorgeht.“

Vor dem Hintergrund solcher Berichte und der aktuellen Situation rund um das Thema Strafzinsen, haben wir ein Interview mit Kai Fürderer, Geschäftsführer der QIDF GmbH, geführt.

Redaktion (RD): Wie schätzen Sie die aktuelle Situation aus Sicht der Kunden ein, wenn es darum geht, sog. Strafzinsen zu bezahlen?

Kai Fürderer (KF): Aus unserer Sicht sollte man zur Beurteilung dieser besonderen Situation zwei wichtige Aspekte in den Überlegungen mit aufnehmen. Zum einen stellt sich immer die Frage, wie viel Geld bzw. Vermögen muss aus bestimmten Gründen jederzeit verfügbar bzw. liquide sein (und kann deshalb nicht mittel- bzw. langfristig angelegt werden); und zum anderen ist die Frage, welche reale Verzinsung diese Anlage zur Folge hat.
Gerade die reale Verzinsung ist eine zentrale Größe, die vor allem die Privatkunden zu selten im Blick haben.

Der Realzins, der Zins nach Abzug der Inflation, rutscht seit Jahren immer wieder ins Negative. So auch zwischen Januar und März: Die durchschnittlichen Zinsen für Tages- und Festgelder sowie Girokonten und Spareinlagen lagen im ersten Quartal bei nur 0,11 Prozent, die Inflation wiederum im Mittel bei 1,36 Prozent. Sparer verloren so 1,25 Prozent in den vergangenen drei Monaten.

RD: Worin bestehen die aktuellen Überlegungen bzw. Entwicklungen bei den Banken, die sehr innovativ und kundenorientiert agieren?

KF: Wir sehen bei vielen Regionalbanken sehr spannende Veränderungen rund um das Thema „Geldanlage“. Diese gehen von einem offenen Fondsangebot (über den eigenen Verbundpartner hinaus) über neue Anlagemöglichkeiten im Bereich Nachhaltigkeit bis hin zu Angeboten für Edelmetall-Investitionen, digitale Anlageangebote, ETF-Sparpläne, neue Depotmodelle, Vermögensverwaltungsangebote u.v.m.; dabei sind auch immer mehr Angebote bereits heute online „buchbar“.

Wichtig ist aber vielmehr im Vorfeld zu klären, welche Gelder in den nächsten Monaten oder Jahren benötigt werden, um diese aus der langfristigen Anlage herauszunehmen.

Dabei geht es neben dem Notgroschen um Ziele und Wünsche der Kunden, die man kennen muss, bevor man eine Anlagestruktur festlegt. Beispielsweise erleben wir aktuell viele Kunden, die nach Ablauf der Immobilienfinanzierung eine Rückzahlung erwägen, sofern die Zinsen steigen sollten. Vor dem Hintergrund könnte auch ein Sparplan in einen Bausparvertrag Sinn machen, um das Zinsänderungsrisiko zu reduzieren. Genau diese Themen sollten Bestanteile einer guten Beratung bzw. Bedarfsanalyse sein, bevor man monatlich oder einmalig Geld (langfristig) anlegt.

RD: Welche Bedeutung hat das Thema Strafzinsen für die Kunden?

KF: Wie gesagt, glaube ich, dass dieses Thema aus Sicht der Kunden überschätzt wird, da die wenigsten Kunden den realen Kapitalverlust im Blick haben. Aber diese Situation bietet den Banken auch eine einmalige Gelegenheit, um Kunden auf das Thema „richtige Geldanlage“ ansprechen bzw. diesbezüglich beraten zu können. In den vergangenen Monaten konnten viele Regionalbanken bereits eine deutlich höhere Nachfrage nach Wertpapieren feststellen, was eine gute und wichtige Entwicklung ist, um dem realen Kapitalverlust zu entgehen.

RD: Wie können Kunden dieses Thema am besten umgehen? Welche Lösungen bieten sich in der aktuellen Situation an?

KF: Hier kann es keine Blaupause geben. Wichtig ist m.E. ein breites Angebot an Produkten, um auf die individuellen Wünsche der Kunden eingehen zu können und stets eine breite Streuung zu haben; Das gilt für Themen und Produkte.  Je breiter die Geldanlage stattfindet, desto geringer das Risiko, dass rücklaufende Kurse zu großen Verlusten führen. Wenngleich man sich bei Kursrückgängen immer wieder an die Langfristigkeit erinnern muss und im Idealfall weitere Liquidität zum Nachkaufen zu Verfügung hat.

Deshalb ist der einzige allgemeingültige Tipp: Am besten breit streuen und in Etappen einsteigen.

RD: Welche Überlegungen sollten sich Kunden im Vorfeld eines Beratungsgesprächs machen, wenn sie ihre Liquidität abbauen beziehungsweise langfristig anlegen möchten?

KF: Jeder Kunde sollte sich Gedanken darüber machen, welchen Betrag man über 7 (lieber 10) Jahre anlegen kann, weil man das Geld entbehren kann bzw. nicht benötigt. Nur über diesen Betrag sollte man sich Gedanken machen, wie hier die beste Geldanlage aussehen kann.

Darüber hinaus sollte man auch konkrete Pläne der nächsten Jahre in die Überlegungen mit aufnehmen bzw. berücksichtigen, um die Frage beantworten zu können, ob die klassische Geldanlage die richtige Wahl ist (Stichwort: alternative Sparpläne in Bausparverträge vs. Fondssparen o.a.). Diese Entscheidung ist immer eine sehr individuelle, die aber immer nur dann richtig getroffen werden kann, wenn alle Fakten und Überlegungen bekannt sind.

RD: Welche Rechnung beziehungsweise Betrachtungsweise kann aus Ihrer Sicht ein Game Changer sein?

KF: Das Thema „magisches Viereck“ ist m.E. der Game Changer, da die Inflation unbedingt mitberücksichtigt werden muss. Wenn die Sorge der Kunden so groß ist, wie man immer wieder liest bzw. hört, dann wird es in Kürze weitere Wertpapiersparer geben (müssen).

RD: Wie sollte eine gute Vermögensanlage aus Kundensicht aussehen bzw. welche Fragen gilt es vor der Anlage zu beantworten, um keine Kaufreue zu empfinden?

KF: Wie gesagt, geht es um die Berechnung des langfristigen Anlagebetrags und der Überlegungen, welche Präferenzen man bei der Geldanlage hat. Welche Anlageformen, welche Regionen, welche Kosten, welche Transparenz etc.? Oder auch die Frage nach dem Wohlfühlfaktor – für die einen ist das Gold, für die anderen die tägliche Verfügbarkeit und für andere die Wertentwicklung im Online-Banking laufend nachvollziehen zu können.

RD: Ein letzter Tipp zum Schluss?

KF: Jetzt handeln. Nichts tun ist keine Option!

 

Fotoquelle: Shutterstock _ Everything is possible ID 525047125; QIDF GmbH

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