08.09.2019

Einsatz der Finanzanalyse nach DIN-Norm 77230 bei Banken und Sparkassen

Magere Zwischenbilanz nach einem Jahr – Licht am Ende des Tunnels in Sicht?

Wer in Google die Suchbegriffe „Bank – DIN-Norm 77230“ eingibt, der sucht vergeblich oder sehr lange nach einer Meldung einer Bank oder Sparkasse zum Einsatz der neuen DIN-Norm 77230 Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte. Um so verwunderlicher, da viele Geldinstitute unter der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) leiden und alternative Einnahmenquellen eigentlich willkommen sein sollten. Die DIN-Finanzanalyse bietet hier Möglichkeiten, und zwar nicht zum Selbstzweck, sondern bedarfsgerecht im Interesse des Verbrauchers.

Im Februar 2019 wurde die Norm vom Deutschen Institut für Normung (DIN) offiziell veröffentlicht. Bereits im Juni 2018 hatten interessierte Kreise, dazu zählen selbstverständlich auch die Banken, die Möglichkeit im Rahmen einer so genannten „Einspruchsphase“ sich mit dem Werk auseinanderzusetzen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Es gab einige gute Vorschläge, allen voran aus der Versicherungsbranche, die dann auch in die Norm aufgenommen wurden.

Bereits vor und auch nach der Veröffentlichung der Norm wurde in fast allen Medien mehr oder weniger intensiv über die neue Norm berichtet. Wenn man die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage zur DIN 77230 heranzieht, stellt man fest, dass bis dato nur ca. 10% der befragten Finanzdienstleistungsunternehmen noch nichts von der Norm gehört haben. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen beschäftigen sich damit und sehen auch Vorteile bei einem möglichen Einsatz der Norm in der Praxis.

Die DIN Finanzanalyse ist eine Norm, die von der Finanzbranche unter Mitwirkung von namhaften Banken und Versicherungsgesellschaften sowie von Verbraucherschutzorganisationen (wie Stiftung Warentest) für den Verbraucher erstellt wurde. Ausgehend von den hier genannten Fakten stellt sich die berechtigte Frage, warum die Norm nicht bereits viel stärker verbreitet ist und somit der Adressat, nämlich der Verbraucher, flächendeckend davon profitieren kann.

Mit dieser Frage beschäftigen sich Kai Fürderer, Geschäftsführer der Gesellschaft für Qualitätsentwicklung in der Finanzberatung (QIDF), und die ZERTPRO FINANZ- Gesellschaft zur Zertifizierung von Standards und Normen im Bereich Finanzdienstleistungen bereits seit längerem.

„Am Bekanntheitsgrad der DIN-Norm 77230 liegt es sicherlich nicht“, weiß Kai Fürderer aus erster Hand. Die QIDF führt mit ihrem Tochterunternehmen – der Gesellschaft für Qualitätsprüfung – seit Jahren verdeckte Testkäufe bei Banken und Sparkassen durch. Das Qualitätssiegel „Beste Bank vor Ort“ ist in der Branche bestens bekannt. Schon zu Zeiten der DIN SPEC 77222 Standardisierte Finanzanalyse für den Privathaushalt, dem Vorläufer der heutigen Norm, basierte ein wesentlicher Teil des Tests auf den Inhalten der standardisierten Finanzanalyse. „Wer damals schon Beste Bank vor Ort werden wollte, kam um eine an die DIN orientierte Bedarfsanalyse nicht herum!“ führt Fürderer weiter aus. Heute basiert der Test selbstverständlich auf der DIN-Norm 77230, dokumentiert durch das Zertifizierungssiegel der ZERTPRO FINANZ.

„Es sind unterschiedliche Gründe, die eine schnellere Verbreitung der DIN Finanzanalyse behindern“, ergänzt Claus Rieger, Mitglied der Geschäftsführung von ZERTPRO FINANZ, der von Anfang an im DIN Arbeitsausschuss Finanzdienstleistungen mitgewirkt- bzw. die Norm damals mit initiiert hat. „Einige Ursachen beruhen aus Bankensicht auch auf Fehlinformationen oder Fehleinschätzungen“, so Rieger weiter.

Die wesentlichen Gründe für die Nicht-Einführung der DIN-Norm 77230 lassen sich an einer Hand abzählen. Auch wenn es bei den Ausführungen vorrangig um Banken und Sparkassen geht, ist die Situation bei den Versicherungsgesellschaften die gleiche. Die Gründe lassen sich nahezu 1 zu 1 übertragen.

1.Die DIN 77230 wurde in erster Linie für die Versicherungsbranche entwickelt, Bankthemen wurden weniger berücksichtigt

Dem klassischen Versicherungsbereich können folgende Finanzthemen zugeordnet werden: Krankheit/Pflege, Arbeitsunfähigkeit, Haftung, Todesfall, Altersvorsorge, Verlust/Beschädigung Immobilie (Wohngebäude), Invalidität Kinder, Hausrat, Unfall, Rechtsschutz, Kasko (Fahrzeuge)

Dem gegenüber stehen nachfolgende Bankthemen:
Sicherung der Liquidität, Schuldenrisiko, Altersvorsorge, Zinsänderungsrisiko, Instandhaltungsrücklage Immobilien, Kapitalaufbau für Kinderausbildung, Ersatzinvestitionen, Immobilienerwerb und weitere individuelle Sparziele

Allen Finanzthemen sind eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung und eine Vermögensbilanz vorgestellt, beides ureigene Bankthemen mit großer Bedeutung für die Anwendung der DIN- Finanzanalyse. Auch wenn die Versicherungsthemen in Summe die Mehrheit der Finanzthemen bilden, kommen wichtige Bankthemen in der Norm nicht zu kurz. Weiterhin agieren die meisten Banken als All-Finanzdienstleister mit „hauseigener“ Versicherungsgesellschaft oder sie kooperieren mit externen Versicherungsunternehmen. Somit ist eine umfängliche Abdeckung aller Finanzthemen, zumindest theoretisch, gewährleistet. Hinzu kommt die Tatsache, dass man auch bei diesem Argument weniger auf das eigene Produktportfolio/Vertriebscockpit als vielmehr auf den tatsächlichen Bedarf der Privatkunden schauen sollte.

2. Die meisten unserer Berater und Beraterinnen haben eine klassische Bankausbildung und können die Versicherungsthemen innerhalb der DIN-Finanzanalyse nicht beraten. Eine Anwendung der Norm ist daher nicht möglich.

Einer der größten Irrtümer ist, dass es sich bei der DIN-Norm 77230 um eine „Norm für die Finanzberatung“ handelt. Aus dem Regelwerk der Norm geht an mehreren Stellen eindeutig hervor, dass es sich um eine Finanzanalyse handelt, auf der im Anschluss eine Beratung aufsetzen kann. Somit reduziert sich die praktische Anwendung der Norm erst einmal auf die Erfassung der relevanten Haushaltsdaten (Einkommen, Tätigkeitsstatus, Wohnstatus, vorhandene Leistungen aus Bank-/Versicherungsprodukten etc.) und die Erstellung des Analyseergebnisses. Diese Leistung muss der Berater/die Beraterin aber schon erbringen können. Die Vorgehensweise lässt sich gut mit der Tätigkeit eines Architekten vergleichen. Nach der Fertigstellung des Plans und der Verabschiedung durch den Bauherrn werden die einzelnen Gewerke (=Finanzthemen) vergeben und die Umsetzung koordiniert. Im Falle der DIN-Norm 77230 kann nach Feststehen des Finanzanalyseergebnisses in Abstimmung mit dem Bankkunden, der Versicherungsfachmann des eigenen Hauses dazu geholt werden. Wichtig ist, dass der „Finanzanalyst“, genau wie auch der Architekt, die Fäden dabei in der Hand hält, da er – im Idealfall – die Verantwortung für das finanzielle Wohl des Kunden übernehmen sollte.

3. Einzelne Finanzthemen der DIN 77230 passen nicht zur unserem Beratungsansatz, hier haben wir bessere Ansätze und Lösungen

Im Vorwort und im Anwendungsbereich der Norm steht: „Die Norm dient sowohl zur Eigeninformation wie auch als Orientierungshilfe von Verbrauchern“ und weiter „Die Basis-Finanzanalyse beschränkt sich somit auf eine rein quantitative, typisierte Betrachtung des Privathaushalts.“ Dass es für die verschiedenen Finanzthemen unterschiedliche Beratungsansätze und Lösungen (Produkte) geben kann, wird von der DIN-Norm 77230 ausdrücklich legitimiert. Auch bei der Festlegung von Orientierungsgrößen (z.B. Höhe der Altersvorsorge) und der Rangfolgen der relevanten Finanzthemen kann und darf es im Rahmen einer Beratung zu Abweichungen kommen. Zum Beispiel, wenn dies vom Kunden explizit gewünscht- oder aufgrund einer speziellen, besonderen Haushaltskonstellation, erforderlich wird.

4. Die ganzheitliche DIN-Finanzanalyse muss vollständig (DIN-konform) angewendet werden. Eine DIN-konforme Umsetzung ist sowohl technisch als auch auf der Ebene der Beratung viel zu komplex. Damit verbundene Risiken, wie z. B. Kosten für IT-Anpassungen und Umsatzeinbußen, werden als zu hoch eingeschätzt

Bei diesen Argumenten wird es im wahrsten Sinne des Wortes tatsächlich komplex und bedarf einiger weiterführender Erläuterungen bzw. Hinweise. Der erste Punkt, die DIN Analyse muss/darf nur vollständig angewendet werden ist schlichtweg falsch! Ein Fachartikel zum Thema Haftung und Werbung mit der DIN-Norm 77230 erläutert die Hintergründe.

Leider gibt es zu einer auszugsweisen Nutzung der DIN 77230 immer wieder unsinnige Aussagen, die potenzielle Anwender verunsichern und damit der Finanzbranche und dem Verbraucher in keiner Weise helfen. Alle Marktteilnehmer sollten ein Interesse daran haben, dass die DIN-Finanzanalyse möglichst vielen Privathaushalten zugänglich gemacht wird. Denn nur so wird eine Norm auch tatsächlich zur Norm. Der Schlüssel für eine flächendeckende Verbreitung liegt bei den Banken, Sparkassen, Versicherungsgesellschaften und den großen Finanzdienstleistungsunternehmen.

Es wäre sehr bedauerlich, wenn aufgrund der „Komplexität“ der DIN-Norm 77230 der Einstieg dieser Unternehmen verhindert würde. Zumal die Komplexität der DIN-Finanzanalyse in erster Linie darauf beruht, dass sie insgesamt 42 Finanzthemen umfasst. Ganz klar, alle Finanzthemen haben ihre Berechtigung und lassen sich gut begründen. Auf den „normalen“ Haushalt treffen aber weitaus weniger Themen zu. Es ist also nicht nur rechtlich legitim, sondern auch ökonomisch vertretbar, zuerst einmal die praxisrelevanten Themen herauszugreifen und die Finanzanalyse somit leichter anwendbar zu machen.

Idealerweise schafft ein Unternehmen bereits zu Beginn die Möglichkeit, die Finanzanalyse/das IT-System zu einem späteren Zeitpunkt auf eine DIN-konforme Anwendung auszubauen. Bei der auszugsweisen Nutzung der DIN-Finanzanalyse muss in jedem Fall darauf geachtet werden, dass die Grundlogik der Norm nicht verletzt wird. Weiterhin ist ein deutlicher Hinweis auf die übrigen, nicht verwendeten Finanzthemen erforderlich. Bei Bedarf kann so der gut ausgebildete Berater bzw. Anwender auch darauf eingehen.

Die DIN-Finanzanalyse wird aktuell überwiegend von Finanzmaklern (4-stellige Anzahl) eingesetzt. Zur Durchführung der Analyse können die Makler bereits auf einige DIN-konforme Softwarelösungen zurückgreifen. Bei Banken, Sparkassen, Finanzdienstleistungs- und Versicherungsunternehmen gibt es, wie bereits erläutert, noch sehr viel Luft nach oben bzw. entsprechendes Potential. Das bestätigen auch die Ergebnisse im Bankentest „BESTE BANK vor Ort“ – von über 1.000 getesteten Banken werden nur ca. 200 als „BESTE BANK“ ausgezeichnet und auch nur bei diesen ist eine Bedarfsanalyse nach DIN erlebbar.
Für Kai Fürderer ist die Situation nicht überraschend, steht er doch aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit ständig in Kontakt mit Banken und Sparkassen. „Die hier genannten Gründe begegnen mir wöchentlich“ so Fürderer. „Man würde ja eventuell schon gerne auf die DIN-Finanzanalyse setzen, scheut scheut die technischen und/oder organisatorischen Hürden“, so lauten die meisten Begründungen der verantwortlichen Vorstände. Deshalb braucht es ein praxistaugliches Konzept für interessierte Banken und Sparkassen!

Ein praxistaugliches Konzept zum Einsatz der DIN-Norm 77230 als Musterlösung
Bereits Anfang letzten Jahres haben die ZERTPRO FINANZ und die QIDF nach einer Lösung für das Problem gesucht. „Es war nicht so einfach ein Konzept zu entwickeln, das gleichermaßen praxistauglich ist, die wesentlichen Anforderungen der DIN-Norm erfüllt und dazu noch mögliche IT-Hürden minimiert“, erklärt Claus Rieger. „Mittlerweile haben zwei Genossenschaftsbanken das Konzept erfolgreich implementiert“ führt Kai Fürderer weiter aus. „Die DIN-Finanzanalyse schließt dabei nahtlos an das jeweilige IT System an, ein durchgängiger Ablauf bei dem Analyse- und Beratungsprozess war den beiden Banken dabei besonders wichtig“, schließt Fürderer.

Die DIN-Finanzanalyse (mit auszugsweiser Nutzung der DIN- Norm 77230) wurde nach der technischen Implementierung von ZERTPRO FINANZ überprüft und mit einem Qualitätssiegel (Finanzanalyse in Auszügen nach DIN 77230) versehen.
Es gibt ihn also, den kleinen Lichtstrahl am Ende des Tunnels für die DIN-Norm 77230. Die QIDF und ZERTPRO FINANZ arbeiten auf jeden Fall weiter an der Verbreitung der Norm. Man kann gespannt sein, wie das Ergebnis der nächsten DIN-Bilanz ausfällt.

Fotoquelle: Shutterstock – Andreas Wienemann ID 707248765

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