13.09.2018

Commerzbank und Deutsche Bank – Adieu Leitindizes

Ob Dax oder Euro Stoxx 50: Beide Indizes listen die Crème de la Crème der börsennotierten Unternehmen in Deutschland und Europa. Aus beiden Leitindizes muss sich jetzt jeweils eine deutsche Traditionsbank verabschieden: So ist die Deutsche Bank ab Ende September nicht mehr im Euro Stoxx 50 gelistet, zu dem sie seit der Einführung des Index vor 20 Jahren gehörte. Und die Commerzbank wird ab dem 24. September nicht mehr im Dax gelistet sein, zu dessen Gründungsmitgliedern sie 1988 ebenso wie die Deutsche Bank gehörte. Abgelöst wird das Traditionshaus vom Online-Zahlungsabwickler Wirecard, damit rückt erstmals ein Fintech-Unternehmen in den deutschen Leitindex auf.

Börsenwert: Wirecard überholt Deutsche Bank und Commerzbank

Aktuell beläuft sich der Börsenwert des vor 19 Jahren in München gegründeten Unternehmens auf 24 Milliarden Euro, während die Deutsche Bank aktuell rund 21 Milliarden Euro wert ist und die Commerzbank lediglich noch rund zehn Milliarden Euro auf die Waage bringt. Für die Commerzbank geht es nun auf Rang acht im Mittelstandsindex MDax weiter, die Deutsche Bank bleibt zunächst weiterhin im Dax gelistet. Gegenüber dem Nachrichtensender N-TV begründete Klaus Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DWS), den Abstieg der beiden Bankhäuser aus den Indizes unter anderem damit, dass diese das Thema Digitalisierung zehn Jahre verschlafen hätten und die Aufarbeitung der Finanzkrise viel Zeit, Kraft und Geld gekostet habe.

Wirecard beflügelt Anlegerfantasien, DB und Commerzbank enttäuschen

Während die Aktienkurse der beiden Großbanken sich in den vergangenen zehn Jahren enttäuschend entwickelten, startete die Wirecard-Aktie durch und beflügelt die Fantasie der Anleger angesichts der jüngst deutlich nach oben korrigierten Erwartungen für die Umsatzentwicklung nach wie vor. Für einen Abgesang auf das klassische Bankgeschäft sieht Holger Sachse, der Bankenexperte bei der Boston Consulting Group (BCG), jedoch keinen Anlass: Es gebe in Europa sehr viele erfolgreiche Großbanken – auch im deutschen Markt, so der Branchenkenner gegenüber N-TV. Zudem stehe der Beweis, dass Kundenbeziehungen tatsächlich als profitabel erweisen, bei vielen Fintechs noch aus. Dass das Etikett „Fintech“ allein nicht ausreicht, um sich erfolgreich am Markt zu behaupten, zeigen die jüngsten Insolvenzen der beiden Payment-Fintechs Cringle und Lendstar.

Banken müssen Grundsatzentscheidung treffen

Die beiden deutschen Bankenschwergewichte hatten sich in den vergangenen Monaten bemüht, über die Gründung eigener Digitalbanken auf den Modernisierungszug aufzuspringen. Doch nachdem die Deutsche Bank ihre Pläne bereits begraben hat, gab nun auch die Commerzbank gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bekannt, dass die Pläne für das „Copernicus“-Projekt nicht weiter verfolgt werden. Die Situation der beiden Geldhäuser steht beispielhaft dafür, wie auch die Unternehmensberatung Roland Berger in ihrem aktuellen „European Retail Banking Survey“ die deutsche Bankenlandschaft beschreibt: Demnach besteht erheblicher Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung, erschwerend kommen anspruchsvolle Kunden, großer Margendruck und eine Flut regulatorischer Anforderungen hinzu. Gleichzeitig sind die Banken einem zunehmenden Wettbewerb durch innovative Fintechs ausgesetzt. Bislang sei es den Retail-Banken nicht richtig gelungen, den Abstand auf die digitalen Vorreiterunternehmen zu verkürzen, so Roland Berger-Partner Wolfgang Hach. Banken müssten jetzt eine strategische Grundsatzentscheidung treffen – ob sie sich künftig primär als Produktanbieter oder an der Kundenschnittstelle als aktive Plattformgestalter und –nutzer positionieren wollen, empfiehlt das Beratungsunternehmen.

Die Vorteile strategischer Entscheidungen müssen auch beim Kunden ankommen

In beiden Fällen müssen Banken dafür Sorge tragen, dass die strategische Umsetzung der Ziele auch ihre Kunden erreicht und diese ihre Bank künftig positiver wahrnehmen. So kann eine Bank beispielsweise die Vorteile einer Plattform für verschiedene Produktangebote nur dann vollständig ausspielen, wenn sie ihren Kunden im Zuge einer fundierten Beratung die Vor- und Nachteile der verschiedenen Angebote so näherbringen kann, dass auch ein Produktabschluss erfolgt und der Kunde mit einem guten Gefühl nach Hause geht. Dies setzt beispielsweise Schulungen voraus, in denen die Berater auf das breiter gefächerte Angebot umfassend vorbereitet werden. Wie der Beratungsprozess effizient gestaltet und das Qualitätsniveau der Beratung langfristig gewährleistet werden kann, zeigen die verschiedenen Beratungsmodule der Gesellschaft für Qualitätsentwicklung in der Finanzberatung (QIDF) auf.

 

Fotoquelle: Shutterstock – g-stockstudio ID534465157

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