04.10.2018

Anlageberatung – Banken und Sparkassen auf dem Rückzug

Rund jede dritte deutsche Bank oder Sparkasse will künftig keine oder nur noch eine eingeschränkte Anlageberatung anbieten. Das ist die Kernaussage der Umfrage „Chancen und Herausforderungen für Banken nach Inkrafttreten der MiFID II“ der Beratungsgesellschaft PPI, die im Juli 2018 unter 50 Banken und Sparkassen durchgeführt wurde. Hintergrund der Studie: Die EU-Finanzmarktrichtlinie ist bereits am 3. Januar 2018 in Kraft getreten, anhand der Umfrage sollte herausgearbeitet werden, wo die Institute derzeit in puncto Umsetzung stehen und mit welchen Problemen sie sich konfrontiert sehen. 52 Prozent der befragten Institute geben an, die Vorgaben bereits vollständig umgesetzt zu haben, 44 Prozent hingegen sind noch damit beschäftigt, vier Prozent arbeiten noch an Folgeprojekten, die die Umsetzung nach sich gezogen hat.

Kreditinstitute hinken mit der Umsetzung der MiFID II-Vorgaben hinterher

Zwei von drei Instituten, die noch mit der Umsetzung der MiFID II-Vorgaben beschäftigt sind, gehen davon aus, 2019 alle Anforderungen zu erfüllen. Einige von ihnen erwarten den Abschluss erst zum Ende des kommenden Jahres. Als Grund für den langwierigen Umsetzungsprozess wurde unter anderem genannt, den Aufwand hierfür unterschätzt und damit zu spät mit der Anpassung begonnen zu haben. Unter denen, die bereits die Richtlinie umgesetzt haben, zweifeln viele daran, ob sich der administrative Aufwand im Ganzen lohnt. Nach Angaben von PPI hat nur jede fünfte der befragten Banken Erfolge mit der Umsetzung der MiFID II-Vorgaben verbucht. Dem stehen hohe laufende und Folgekosten gegenüber. Als größte Kostentreiber sehen fast drei von vier Instituten, aufgrund der geänderte Vorgaben zu Telefon- und Beratungsprotokollen, hohen bis sehr hohen Bedarf an zusätzlichen Compliance-Ressourcen, 52 Prozent äußern dies über die Vorgaben für die Einführung neuer Produkte und Dienstleistungen.

Kostentransparenz-Anforderungen werfen Probleme auf

Als besonders problematisch bewerten 80 Prozent der befragten Institute die unterschiedliche Definition des Kostenbegriffs gemäß MiFID II und PRIIPs, die zu einer unterschiedlichen Darstellung der Kosten führt. Zudem sehen 56 Prozent der Umfrageteilnehmer ein Problem darin, dass einige Produkte nicht mehr an Privatpersonen verkauft werden können, weil die Kosteninformationen fehlen. Diese beiden Aussagen wurden bei der Frage, wo sie in puncto Kostentransparenz den größten Anpassungsbedarf aufgrund unerwünschter Nebeneffekte sehen, am häufigsten bejaht.

Anlageberatung leidet am meisten unter MiFID II-Vorgaben

Sehr kritisch wird die Richtlinie in Bezug auf die Anlageberatung gesehen. Nach ihren Erfahrungen im Gesprächsablauf seit Einführung der Richtlinie gefragt, stimmen 72 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass der Beratungsprozess komplex geworden ist und ohne technische Unterstützung nicht mehr bewältigt werden kann. Jeweils 56 Prozent bejahen die Aussage, dass den Kunden nur noch eine begrenzte Anzahl von Produkten vorgestellt werden kann und dass die „ex ante“-Kostenblätter erheblichen Diskussionsbedarf mit sich bringen. Unterm Strich habe sich also die Gesprächsdauer trotz eines geringeren Produktangebots erhöht, was zu einer geringeren Gesprächsfrequenz führt, fasst PPI die Ergebnisse zu dieser Fragestellung zusammen.

MiFID II-Vorgaben stoßen bei Kunden auf Unverständnis

Hinzu kommt, dass die Kunden die veränderten Rahmenbedingungen als negativ wahrnehmen. So meinen 56 Prozent der Befragten, dass ihre Kunden auf die längere Gesprächsdauer mit Unmut reagieren. Die Aufzeichnungspflicht bei telefonischer Beratung stößt nach Aussage von 48 Prozent der Umfrageteilnehmer bei den Kunden auf Unverständnis, 42 Prozent meinen dies in Bezug auf die teils sehr persönlichen Fragen zur Geeignetheitsprüfung beziehungsweise -erklärung.

Sind Kapazitäten vorhanden, sollte weiterhin auf Anlageberatung gesetzt werden

Fest steht: Die Anforderungen an die Beratung sind zweifellos gestiegen, ebenso der Zeitaufwand, was die PPI-Studie klar belegt. Doch es stellt sich die Frage, was dagegen spricht, wenn Berater einen erhöhten Zeit- und Beratungsaufwand auf sich nehmen, wenn sie lediglich zwei Gesprächstermine mit Kunden pro Tag vereinbaren. Diese Aussage ist nach Erfahrung von Mitarbeitern der Gesellschaft für Qualitätsprüfung in der Finanzberatung (QIDF) keineswegs selten. „In solchen Fällen sind wir ganz klar der Ansicht, dass es sinnvoll ist, auch weiterhin eine Anlageberatung anzubieten“, stellt QIDF-Geschäftsführer Kai Fürderer klar. Die personellen Kapazitäten sind vorhanden und es ist unterm Strich sinnvoller, den Aufwand für ein solches Gespräch zu betreiben als bei größerem Leerlauf keinen zusätzlichen Termin zu vereinbaren, argumentiert er.

 

Fotoquelle: Shutterstock – Gagliardimages ID233759050

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